Sie brauchen keine teure Marketingagentur mehr. Die KI übernimmt das Marketing für Sie.
- Patrick Kocher
- 28. Apr.
- 4 Min. Lesezeit

In meinen Social-Media-Feeds tauchen immer wieder solche Beiträge auf, die sogenannte All-in-one-Tools als Ersatz für ganze Marketingabteilungen anpreisen.
All in One Marketing Tools als Ersatz einer Marketingabteilung
Wir erleben aktuell eine spannende Entwicklung im Bereich der künstlichen Intelligenz für das Marketing. Es tauchen immer wieder neue Angebote auf, die das klassische Marketing angeblich ersetzen. Interessant ist, dass es sich nicht um Angebote klassischer Marketer oder Agenturen handelt, sondern dass sich hier neue Marktteilnehmer etablieren.
Als erfahrene Marketingexperten beobachten wir den Markt für KI-Tools sehr genau. Wir beobachten eine deutliche Verschiebung von generischen Chatbots hin zu spezialisierten Lösungen, die komplexe Arbeitsabläufe automatisieren. Diese Tools positionieren sich selbstbewusst als komplette Marketingabteilung. Doch was steckt dahinter? In der Realität ersetzen sie oft nur Teile der operativen Produktion. Die strategische Steuerung und Verantwortung einer echten Marketingabteilung übernehmen sie jedoch selten.
Was diese Tools tatsächlich leisten
Diese neue Kategorie von Tools kann mehr als nur Texte generieren. Sie bieten strukturierte Prozesse, die traditionelle Marketingaufgaben nachbilden und das gesamte Branding abdecken. Darüber hinaus generieren sie bei Bedarf Werbemittel in verschiedenen Formaten. Das System arbeitet mit vordefinierten Rollen und Frameworks für die Bereiche Storytelling, Funnel-Aufbau, Copywriting und Social Media.
In den meisten Fällen analysieren die Tools zuerst die eigene Website und erstellen darauf basierend eine sogenannte Business-DNA. Diese umfasst Tonalität, Schriftarten, Bilder und Farben. Darauf basierend generiert das Tool Kampagnenideen und Assets, die anschliessend editiert werden können. Aus eigener Erfahrung ist die Angabe der eigenen Website allein aber nicht ausreichend, um einen echten Brand-Fussabdruck zu generieren. Daher bieten diese Tools auch einen Bereich, in dem das CI nachjustiert werden kann. In einem Test konnten wir diesen Bereich zumindest für einen unserer Use Cases nur bedingt nutzen, da unsere Branding- und Positionierungsvorgaben bewusst nicht allzu viele Freiheitsgrade zulassen.
Ersetzen sie ganze Marketingabteilungen?
Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Es kommt auf die Bedürfnisse und Ansprüche an. Realistisch betrachtet ist die Antwort „Ja” für kleine Unternehmen oder spezielle Anwendungsfälle. Mikro- und Kleinunternehmen können hier sicher profitieren.
Wenn der primäre Bedarf in regelmässigen Social-Media-Posts, Newslettern, einfachen Werbeanzeigen oder der schnellen Produktion von Varianten für Hooks liegt, können diese Tools eine grosse Hilfe sein. Sie können auch einfache Funnels oder Landingpage-Strukturen erstellen. In diesem Szenario übernehmen die Tools einen Grossteil der Routinearbeit und simulieren faktisch eine Mini-Marketingabteilung.
Sobald das Marketing jedoch strategische Verantwortung trägt, ist die Antwort Nein. Wenn es um Wachstum, Marke, Positionierung, Marge und Risikomanagement geht, stossen diese Tools an ihre Grenzen. Sie ersetzen keine zuverlässige Marketing-Strategie. Dazu gehören unter anderem Positionierung, Preisgestaltung und Angebotsstruktur. Auch die kreative Leitung und Differenzierung, also die Leitidee, die eine Marke unverwechselbar macht, kann KI aktuell nicht leisten.
Orchestrierung verschiedener Stakeholder wie Vertrieb, Produkt, Service und Partner sowie das Management von Budget und Timing bleiben ebenfalls menschliche Aufgaben. Schliesslich sind auch Compliance-Themen, Markenrisiken und Branchenregeln Bereiche, die man keiner KI allein überlassen sollte.
Beschränkte Halbwertszeit solcher Tools
Kurz gesagt sind diese Tools eher eine Kombination aus Marketing-Operation und Content-Maschine. Wie bei anderen KI-Tools, die derzeit wie Pilze aus dem Boden spriessen, folgt auch hier die Halbwertszeit der technischen Weiterentwicklung den Zyklen anderer Tools wie Gemini, Claude und ChatGPT. Was heute noch als neu gilt und einen Wettbewerbsvorteil darstellt, ist morgen durch die Weiterentwicklung der KI-Chatbots bereits überholt. Aktuell können solche Marketing-Tools auch ohne Kenntnisse einer Programmiersprache selbst nachgebaut werden, mit dem Vorteil, dass sie perfekt an das eigene Unternehmen angepasst werden können. So lassen sich beispielsweise mit Claude und Lovable einfach und schnell solche Tools herstellen.
Die eigentliche Herausforderung für uns klassische Marketer liegt nicht darin, dass die KI uns die Arbeit wegnimmt, sondern dass sie den Standard für „Mittelmässigkeit“ massiv nach oben verschiebt. Wenn jeder per Mausklick einen soliden Newsletter oder einen Social-Media-Post erstellen kann, wird „solide” zum neuen „Einheitsbrei”.
Für viele Kunden sieht KI-generierter Content auf den ersten Blick „gut genug“ aus. Er ist fehlerfrei, schnell verfügbar und kostengünstig. Das Problem ist jedoch, dass die Kunden nicht zwischen operativem „Einheitsbrei“ und professionellem, strategischem Marketing unterscheiden können.
Für uns Marketer ergeben sich daraus zwei kritische Aufgaben:
Die Erklärungsnot überwinden:
Wir müssen unseren Kunden begreiflich machen, dass Sichtbarkeit nicht gleich Wirkung ist. Ein Tool kann zwar 30 Beiträge in wenigen Minuten generieren, aber keine echte emotionale Bindung aufbauen oder eine differenzierte Marktposition verteidigen. Wir müssen den Wert einer professionellen Lösung messbar und sichtbar machen.
Positionierung durch Expertise:
Wenn der Kunde den Unterschied nicht erkennt, müssen wir ihn ihm aufzeigen. Unsere Herausforderung ist es, uns nicht über den Output, sondern über das Ergebnis und die Markenführung zu positionieren. Wir entwickeln uns vom „Produzenten“ zum „Kurator und Strategen“, der die Marke vor der Belanglosigkeit des KI-Durchschnitts schützt.
Das Versprechen der „Marketing-Abteilung auf Knopfdruck“ ist besonders dort verführerisch, wo Marketing nur als notwendiges Übel und Kostenfaktor gesehen wird (was in den meisten Fällen der Fall ist). Die grösste Hürde für uns Profis ist es aktuell, Kunden davor zu bewahren, in die „Effizienz-Falle“ zu tappen. Alles wird schneller und billiger produziert, verliert dabei aber an Seele und Wirksamkeit. KI ist eine hervorragende Content-Maschine, aber kein guter Stratege. Für kleine Unternehmen ist sie ein Einstieg, für professionelle Marken aber nur ein Werkzeug unter vielen.
Unsere Aufgabe als Marketer ist es heute mehr denn je, das „Warum“ zu moderieren. Wer sich nur über das „Was“ (den fertigen Beitrag) definiert, wird durch KI ersetzbar. Wer sich hingegen als Hüter der Markenidentität und strategischer Architekt positioniert, wird für die Kunden unverzichtbar gerade weil die KI den Markt mit Belanglosem flutet.



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